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Für Arbeiter/innen ist immer Krise


Am 4. Juli 2008 fand im spanischen Ort Tirso de la Molina eine Diskussion statt, zu der das "Syndikat Bildende Künste" der CNT-IAA Madrid eingeladen hatte. Der Titel lautete: "Für die Arbeiter/innen ist immer Krise. Zur wirtschaftlichen Lage: Ursachen, Auswirkungen und Lösungen aus anarchistischer Sicht untersucht". Die Leitung hatte Jose Luis Velasco, Ökonom, Historiker und ehemaliger Generalsekretär der spanischen CNT-IAA.

In einem aktuellen Artikel in der Zeitschrift 'cnt' hat Mario Obispo, Mitglied des ICEA (Institut für Wirtschaftswissenschaften und Selbstbestimmung, http://iceautogestion.org) diese Untersuchung für alle, die nicht dabei waren, kurz vorgestellt. Die Notwendigkeit dazu ist offensichtlich.

Leider kann ich aus zeitlichen und sprachlichen Gründen hier nur eine Zusammenfassung in grober Übersetzung liefern. Aber vielleicht ist es ja für den einen oder die andere ein Ansporn zu weiterer Beschäftigung mit der Materie:

Betrachten wir die wirtschaftliche Lage, so müssen wir feststellen, das es sich um eine strukturelle Krise des Kapitalismus handelt, deren Ursachen und Auswirkungen wir betrachten und Lösungen für das Problem finden müssen.

Zunächst müssen wir uns fragen: Warum muss die Regierung die Krise leugnen? Die privilegierten Teile der Gesellschaft weisen jede Verantwortung des wirtschaftlichen und politischen Systems zurück, das sie verteidigen. Sie haben ein klares Interesse daran das Offensichtliche zu verschleiern und zu leugnen. Außerdem können sie die (dauerhafte, nicht die zeitweise) Krise des Kapitalismus garnicht erklären.

Sie haben zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren. Entweder beenden sie ihre Zusammenarbeit mit den aktuell "Schuldigen" und ersetzen sie durch andere. Oder sie ändern ihre Wirtschaftspolitik und lösen die Probleme der ganzen Bevölkerung. Dafür hat sich jedoch keine der herrschenden Institutionen (wie UNO, OECD, EU, Politiker/innen, Banken, Bürokratie, Reiche, Eigentümer/innen) bereit erklärt, denn sie alle verteidigen das Wirtschaftssystem und ihren Status von dem sie persönlich profitieren. [...]

Wir sind nicht bereit ein System zu verteidigen, in dem sechs Leute genauso reich sind wie 300 Millionen Menschen.

Und was sind deren Erklärungen für die Krise? Sie sagen, es gäbe ein "Licht am Ende des Tunnels" (Wirtschaftsminister Pedro Solbes). Für sie ist die Krise eine Frage von Angebot und Nachfrage, von Spekulation und Termingeschäften. Auch die "Entwicklungsländer" und ihr steigender Verbrauch werden verantwortlich gemacht, die Geldentwertung (Inflation) anzuheizen. Solche Erklärungen zeigen bloß die kranke und perverse Moral derjenigen, die sie verfassen. Und sie zeugen vom Grad der Entfremdung und Verdummung, den sie der Bevölkerung unterstellen.

Was aber geschieht wirklich? Was wollen sie uns verschweigen?

Zunächst einmal: der Kapitalismus steckt in einer dauerhaften Krise und das war für die Lohnabhängigen schon immer so. Und die Arbeiter/innen waren schon immer die Leidtragenden in dieser Krise. Dieses System hat zwei Seiten - ungerecht und kriminell für diejenigen, die von der herrschenden Minderheit ausgebeutet werden, die auf Kosten der mehrheitlichen Armen leben. Ein System in der eine wirtschaftliche Klasse alles steuert und ihre Besitztümer gegenüber dem Rest der Bevölkerung beherrscht, kontrolliert und manipuliert. Das ist der "natürliche" Zustand im Kapitalismus. Wenn sie also erst jetzt von einer Krise sprechen, dann verschweigen sie all jene tagtäglichen Ungerechtigkeiten.

So ist der Kapitalismus! Aber er ist kein Modell für die ganze Welt, in der einige wenige im Überfluss leben, weil Millionen Menschen absolut arm sind. Es ist ein Wirtschaftssystem des Todes. Es ist der katastrophale Kapitalismus der alle zwanzig bis dreißig Jahre sein Produktionssystem selbst zerstört. (...)

Aktuell sehen wir uns einem wirtschaftichen Imperialismus gegenüber, der sich im dauerhaften Kriegszustand um die Rohstoffe befindet. Es handelt sich dabei um eine perfekte Verbindung (Symbiose) aus Staat und Kapital, zwischen Autorität, Herrschaft, Machtkonzentration und Gewalt. Die Wirtschaftstheorie des Kapitalismus ist schön einfach: Militär im Ausland und Aufstandsbekämpfung im Inland.

Den "freien Markt" gibt es nicht, auch wenn alle davon reden.

Der wirtschaftliche, politische, kulturelle und ethische Zusammenhang, in dem diese Krise stattfindet, ist folgender: Der Staat beherrscht die Politik, der Kapitalismus die Wirtschaft, die Medien die (Falsch-)Information und die Religionen die Kultur. Gegen diese Front aus Gott-Staat-Kapital müssen wir den anarchistischen Ansatz von Michael Bakunin stellen: Kein Gott, kein Staat, kein Chef!

Eine neue ethische und soziale Ordnung, die auf wirklicher und nicht auf formeller Gleichheit aufbaut: politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Gleichheit, die davon ausgeht, dass wir freie Menschen voller Würde und Verantwortung sind. Dafür ist es notwendig, dass wir Zugang haben zur Kultur, zum Denken, zur Nutzung des Bewußtseins durch die Methode der Analyse zur Lösung unserer Probleme.

Wenn wir die wissenschaftliche Methode der wirtschaftlichen Untersuchung (Analyse) anwenden, um die Dummheit anzugreifen, dann müssen wir uns eine Frage stellen, auf die wir eine Antwort finden müssen. Zum Beispiel die Frage nach der "Subprime-Krise" [der ungedeckten Hypothekendarlehen auf Immobilien]: Was passiert, wenn sie nicht zurückgezahlt werden? Warum werden sie nicht zurückgezahlt? Warum sinken die Löhne und steigt die Arbeitslosigkeit? Warum passiert das? Warum werden riesige Finanzmittel aufgebracht um Kriege zu finanzieren? Und warum profitieren diejenigen, die die Bevölkerung vertreten sollen, von den Aufträgen für Waffenfabriken und Ölindustrien? Es ist leicht anzunehmen, dass die Krise der Hypothekendarlehen [in den USA] ihren Ursprung in der Finanzierung des Irak-Kriegs zu suchen ist, der die Verfügbarkeit von Öl vergrößert hat, was andererseits die Preise für Lebensmittel ansteigen ließ. Dadurch wurde diese Krise (und der Krieg) auf den Rest der Welt ausgeweitet.

Wenn wir andererseits die Lage im spanischen Staat untersuchen, dann stellen wir fest, dass "unsere" Krise nicht durch internationale Ereignisse verursacht wurde, sondern durch die Regierung. Diese Krise hat ihren Grund in dem Produktionssystem, in dem System des Wachstums, verursacht durch den Kapitalismus. Es ist eine Krise der Überproduktion. Die Auslöser für diese Krise lassen sich am besten anhand der Wohnsituation untersuchen: Häuser ohne Leute, Leute ohne Häuser. Hierbei profitieren nicht diejenigen, die die Häuser gebaut haben. Und die, die sie besitzen, waren an der Produktion nicht beteiligt. Auf diese Weise ist der Kapitalismus ein System der Verwirrung, der Ungerechtigkeit, der Irrationalität, das nicht nur auf der Trennung in gesellschaftliche Klassen aufbaut, sondern auch auf dem Privateigentum, das diese hervorbringt.

Dieses Wirtschaftsmodell ist auf keinen Fall ein Modell oder Vorbild.

Es benötigt schlagende Argumente vonseiten derjenigen, die unter ihm leiden: der Arbeiter/innen. Die Lösung, die vom Anarchismus hervorgebracht wurde, ist die Zerstörung des Kapitalismus, nicht dessen Erneuerung, Anpassung oder Heilung. Aber wir müssen nicht nur den Kapitalismus zerstören, sondern auch dessen Stützen: Staat und Religion. Und wir müssen stattdessen den freiheitlichen Kommunismus aufbauen, der durch die Untersuchung der Bedürfnisse und Wünsche der Einzelnen und der Gemeinschaften die Wirtschaft (gr.: oiko-nomos) versteht. Wir müssen Formen der Bedürfnisbefriedigung finden, die in ihrem Aufwand an Zeit und Arbeit wirkungsvoll sind, im Gleichgewicht mit der Umwelt und nach dem ehrlichen Prinzip: Von allen nach ihren Fähigkeiten und für alle nach ihren Bedürfnissen.

Dazu müssen wir uns jenseits von Staat und Regierung politisch organisieren, denn wir wollen keine Herrschaft des Menschen über den Menschen. Eine Organisation ohne Kapitalismus und Ausbeutung in einem ideologischen und kulturellen Umfeld, das auf Wissenschaft, Verstand und Logik aufbaut.

Wir kämpfen für eine Gesellschaft der gleichen Interessen, ohne
Verteilungskämpfe, eine endgültige Gesellschaft der Gleichen.


Um das zu erreichen benötigen wir das Werkzeug der Klasse aller Arbeiter/innen: eine Gewerkschaft. Eine Gewerkschaft, in der die Grundsätze des Anarchismus in die Tat umgesetzt werden und in der eine soziale Ethik immer einen Ausgleich zwischen dem Zweck und den Mitteln sucht. In dieser Gewerkschaft können wir die praktische Erfahrung sammeln, die wir benötigen, um für eine neue Gesellschaft zu kämpfen.

Wenn wir daran denken, spüren wir die Kraft der Wirtschaft für den freiheitlichen Kommunismus: Was das Geld betrifft, so muss es als Mittel der Kapitalanhäufung (Akkumulation) abgeschafft werden. In einer libertären, also freiheitlich-anarchistischen, Wirtschaft sind diejenigen, die produzieren auch diejenigen, die konsumieren. Sie stellen nur das her, was auch benötigt wird, nicht wie im Kapitalismus, wo die hergestellten Waren gekauft werden oder auch nicht. Das Geld hat dann keine Funktion mehr als Mittel der Reichtumsvermehrung, sondern nur noch als Werteinheit zur statistischen Ermittlung von Produktion und Verteilung, sowie zur Ermittlung der Arbeitsstunden.

Aber wie sollen wir die neuen Fabriken aufbauen? Zum Beispiel in einer Art wirtschaftlicher Fürsorge, die am Konsum, an den Bedürfnissen und an der Praxis orientiert ist. Und dadurch, dass das Verhältnis von Anarchismus und Markt ausschließlich durch einen Austausch der Produkte bestimmt wird, der durch die Vermittlung von Gemeinschaftshäusern, Großlagern und Verteilungszentren stattfindet. Dort werden die verschiedenen Produkte unter den Bedürftigen aufgeteilt.

Der Kampf gegen den Kapitalismus muss an allen Fronten geführt werden, auch in der Ideologie. Und daher auch in der Gewerkschaft, die sich verwandelt in eine Fabrik der Ideen und Diskussionen - in der wir Antworten auf Kapitalismus, Staat und Religion gedeihen lassen - den Anarchismus.


Zusammenfassend übersetzt aus:
'cnt', nr.349, Oktober 2008,
Zeitung der CNT-IAA,

http://www.cnt.es

Übersetzung: Anarchosyndikat Köln/Bonn,
http://anarchosyndikalismus.org


Dieser Artikel ist gemeinfrei bei Nennung der Autor/innen und Übersetzer/innen, sowie der Webseite http://anarchosyndikalismus.org