Bonn: Umsonstladen-Tour am Emmely-Aktionstag 10.10. 2009
Anlässlich des bundesweiten Aktionstags in Solidarität mit der entlassenen Kaiser´s-Kassiererin "Emmely" haben Mitglieder des Anarchosyndikats Köln/Bonn und der Anarchistisch-Syndikalistischen Jugend (ASJ Bonn) eine kleine Umsonstladen-Verschenketour in der Bonner Innenstadt gemacht.
Trotz strömendem Regen wurden auf dem Friedensplatz kostenlos brauchbare Second-Hand-Sachen verschenkt, Passant/innen informiert und Flugblätter verteilt. Auch in der angrenzenden Einkaufszone und in einigen Einzelhandelsbetrieben wurde folgender Text verteilt:
Emmely-Aktionstag
am 10. Oktober 2009
Arbeitskampf
im Einzelhandel: Alles für alle!
Der Fall
der Berliner Kassiererin Emmely wurde bundesweit bekannt: die
Gewerkschafterin erhielt
eine "Verdachtskündigung" während sie (als letzte
im Betrieb) 2007/2008 am Einzelhandelsstreik teilnahm. Der
Arbeitgeber Kaiser´s / Tengelmann AG warf ihr vor, einen
Pfandbon über 1,30 EUR unterschlagen zu haben, was sie
bestreitet.
So eine
Kündigung wegen "zerstörtem Vertrauen" kann auch
ohne Beweise ausgesprochen werden. Es genügt, dass ein Verstoß
gegen den Arbeitsvertrag (oder eine Straftat) aufgrund von Indizien
"wahrscheinlich" stattgefunden hat. Manipulation und
Willkür gegen unbequeme Lohnabhängige werden damit durch
die Rechtsprechung geschützt. Gegen ihre fristlose
Verdachtskündigung klagt nun die aktive Ver.di-Gewerkschafterin
und erwartet eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts im nächsten
Jahr.
Da Emmely
nicht die einzige ist, die wegen solcher Kleinigkeiten gekündigt
wurde, steht sie mittlerweile als Symbol für die
menschenverachtenden Arbeitsbedingungen im Einzelhandel. Vor allem
Discounter und Supermärkte (wie Aldi, Kaufland, Kik, Lidl,
Netto, Plus, Norma und Schlecker) stehen in der Kritik wegen
Niedriglöhnen und der Bespitzelung von Arbeitskräften. Auch
die Arbeitsbedingungen und der Gesundheitsschutz lassen zu wünschen
übrig - von der Unterdrückung der Gewerkschaftsfreiheit mal
ganz abgesehen. Deshalb finden heute im Rahmen des Emmely-Aktionstags
bundesweit Solidaritätsaktionen und Infoveranstaltungen statt:
in Augsburg, Berlin, Bonn, Bremen, Hamburg, Kassel, Köln,
München und Ravensburg (mehr Infos:
http://labournet.de/branchen/dienstleistung/eh/kaisers.html und
http://1euro30.de).
Verteilungskämpfe
im Einzelhandel: Gespart wird am Personal
In der
gesamten Branche wird von Seiten der Arbeitgeber/innen ein harter
Arbeitskampf geführt: mehr Arbeitsbelastung und Überstunden
bei niedrigem Lohn, gekürzte Zuschläge für Spät-
und Wochenendarbeit, Überwachung durch Kameras, Testkäufe
und Durchsuchungen, sogar Bespitzelung im Krankheitsfall. Das sind
nur einige Beispiele, wie der Verteilungskampf zwischen den
Einzelhandels-Konzernen im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise auch
auf die Mitarbeiter/innen abgewälzt wird. Die Arbeitsbedingungen
in den Produzentenländern sehen noch dramatischer aus. Armut
trotz Arbeit ist ein weltweites Phänomen.
Doch auch in
den Industrienationen wird die Ware Arbeitskraft durch die
kapitalistische Verwertung gewinnbringend ausgebeutet. Wer an der
Supermarktkasse sitzt und für die Konzerne das Geld kassiert,
hat oft nur einen Teilzeitvertrag, rund 25% sind sogar nur
"geringfügig beschäftigte" Mini-Jobber ohne
Sozialversicherung. Meist werden Vollzeitstellen garnicht erst
angeboten. Die Stundenlöhne bewegen sich dabei weiter abwärts:
ein Drittel verdient unter 7,50 EUR und über 10% bekommen
weniger als 5 EUR. Frauen werden dabei grundsätzlich schlechter
bezahlt als Männer. Dazu kommt, dass viele Betriebe ihre eigene
Belegschaft von Logistik-Firmen durch noch schlechter bezahlte
Zeitarbeitskräfte ersetzen lassen, die auch Regale auffüllen
und saubermachen. In Großhandel und Gastronomie siehts auch
nicht besser aus...
Wer kräftig
Personalkosten einspart und Dumpingpreise macht, kassiert oft gut ab.
Der deutsche Konzern Tengelmann zum Beispiel (zu dem auch Kaiser´s,
Kik, Obi und Plus gehören) besitzt ein Vermögen von etwa 5
Milliarden Dollar. Gleichzeitig machen große
Kaufhausketten, wie Hertie, Karstadt und Quelle, der Reihe nach
Pleite. Die Häuser werden geschlossen, tausende Angestellte
entlassen bzw. in Beschäftigungs oder
Transfergesellschaften gesteckt, wo sie auf Weiterbildung,
Arbeitslosengeld oder Rente warten.
Leider
helfen auch vereinzelte Widerstandsaktionen (wie die
Betriebsbesetzung bei Karstadt Kaiserslautern im Mai) nicht viel,
wenn sie nur um staatliche Hilfsgelder für ihre Chefs betteln.
Ohne einen globalen sozialen Widerstand gegen den Kapitalismus können
wir die Ursachen dieser Probleme nicht beseitigen. Parteipolitik und
Gewerkschaftsbürokratie sind auf dem Weg zur
bedürfnisorientierten Selbstverwaltung von Produktion und Konsum
nur hinderlich. Basisgewerkschaften, Wohn- und Arbeitskollektive
leben diesen Widerstand...
Umsonstläden:
Schöner Leben ohne Marktwirtschaft!
Nichts ist
umsonst... oder? Doch! Im Bonner Umsonstladen (Romero-Haus, Heerstr.
205) gibt es seit fünf Jahren die Möglichkeit jeden 1. und
3. Dienstag im Monat von 19-21 Uhr kostenlos gut erhaltene Sachen
abzugeben oder mitzunehmen. Ohne Geld und ohne Tausch bekämpfen
wir die warenförmige Marktwirtschaft und erproben
praktische Alternativen. Manchmal kochen wir auch gemeinsam. Mach
doch mit!
Mehr Infos
auf
http://anarchosyndikalismus.org/educat/gastronomie_und_einzelhandel/
Anarchosyndikat Köln/Bonn,
Bereich "Gastronomie & Einzelhandel",
c/o Buchladen Le Sabot,
Breite Str. 76,
D-53111 Bonn
Dieser Artikel ist gemeinfrei bei Nennung der Webseite http://anarchosyndkalismus.org